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Wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind

Über Ambiguitätskompetenz, Widerspruch und die Fähigkeit, beides auszuhalten

Anja Wolfram im Profil, nachdenklich, mit einem Becher in der Hand

Anja Wolfram5 Min. LesezeitResilienz, Achtsamkeit, PersönlichkeitsentwicklungAktualisiert am 21. Juni 2026

Es passiert manchmal in Weiterbildungen, in Meetings, in Gesprächen und wenn man aufmerksam ist, eigentlich ständig: Eine Person sagt innerhalb weniger Minuten zwei Dinge, die sich komplett widersprechen.

Neulich erlebte ich genau das. Zwei Tage intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, das mir am Herzen liegt. Mitten in einer Diskussion sagt eine Person:

Erst: Vertrauen ist die Grundlage jeder guten Führung.

Dann: Man sollte nie zu viel von sich preisgeben, weil das die Autorität schwächen könnte.

Ich saß da und habe innerlich geschmunzelt. Nicht weil die Person falsch lag, sondern weil sie auf ihre Art vollkommen recht hatte. Mit beiden Sätzen.

Genau das ist Ambiguität. Und wer damit umgehen kann, trainiert gleichzeitig eine der wichtigsten Ressourcen unserer Zeit: Resilienz.

Was ist Ambiguitätskompetenz?

Ambiguität bedeutet: Mehrdeutigkeit. Widerspruch. Die Situation, in der es keine eindeutige Antwort gibt, sondern zwei oder mehr Wahrheiten, die gleichzeitig gültig sind.

Ambiguitätskompetenz ist die Fähigkeit, genau das auszuhalten. Nicht aufzulösen. Nicht wegzuerklären. Sondern zu lernen, in der Spannung zu bleiben, ohne davon gelähmt zu werden.

Klingt abstrakt? Ist es nicht. Diese Spannungen kennt fast jeder:

  • Du liebst deinen Job und er kostet dich gerade zu viel Kraft.
  • Du willst Veränderung und sehnst dich gleichzeitig nach Stabilität.
  • Du weißt, was richtig ist und kannst es trotzdem gerade nicht umsetzen.
  • Du bist stark und brauchst Unterstützung.

All das sind keine Widersprüche, die gelöst werden müssen. Es sind Spannungen, die zum Leben gehören. Der Unterschied liegt darin, wie wir mit ihnen umgehen.

Reife ist die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne aufzuhören zu handeln.

— F. Scott Fitzgerald

Was die Forschung sagt

Der Begriff Ambiguitätstoleranz ist kein neues Konzept. Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik prägte ihn bereits in den 1940er Jahren. Sie beschrieb, dass Menschen mit niedriger Ambiguitätstoleranz in Stresssituationen dazu neigen, zu vereinfachen, zu polarisieren und vorschnell zu urteilen; ein Schutzmechanismus, der kurzfristig entlastet, langfristig aber einschränkt.

Heute wissen wir durch die Neurowissenschaft, was dabei im Gehirn passiert. Der Sozialpsychologe Arie Kruglanski beschreibt das sogenannte Bedürfnis nach kognitivem Abschluss: das Verlangen, offene Fragen zu schließen und Ungewissheit so schnell wie möglich zu beenden. Dieses Bedürfnis steigt unter Stress, Zeitdruck und Erschöpfung deutlich an. Mit anderen Worten: Genau dann, wenn Situationen am komplexesten sind, wollen wir sie am meisten vereinfachen.

Besonders relevant für Führungskräfte und Menschen in Veränderungsprozessen: Die Organisationspsychologin Susan Ashford von der University of Michigan zeigt in ihrer Forschung, dass höhere Ambiguitätstoleranz direkt mit besserer Entscheidungsqualität, mehr Kreativität und geringerem Stresserleben zusammenhängt, besonders in unsicheren Umfeldern.

Und der Resilienzforscher George Bonanno (Columbia University), bekannt für seine Langzeitstudien zu menschlicher Widerstandsfähigkeit, identifiziert Flexibilität im Denken als einen der Kernfaktoren resilienter Menschen. Nicht die Abwesenheit von Unsicherheit macht uns stark, sondern die Fähigkeit, mit ihr umzugehen.

Flexibilität im Denken ist kein Luxus. Sie ist eine der wichtigsten Schutzressourcen.

— George Bonanno, Columbia University

Warum Ambiguität so viel Energie kostet

Unser Gehirn liebt Eindeutigkeit. Es ist darauf ausgerichtet, Entscheidungen zu treffen, Risiken einzuschätzen und Sicherheit herzustellen. Widerspruch und Unklarheit aktivieren dasselbe neuronale System wie eine Bedrohung: sie erzeugen Stress.

Das erklärt, warum wir in mehrdeutigen Situationen oft überreagieren. Warum wir vorschnell urteilen. Warum wir uns an eine Meinung klammern, auch wenn wir spüren, dass die Wirklichkeit komplexer ist.

Der Drang nach Eindeutigkeit ist keine Schwäche; er ist zutiefst menschlich und evolutionär sinnvoll. Aber er hat einen Preis: Wer nur Schwarz oder Weiß denken kann, verliert die Nuancen. Und die Nuancen sind oft genau da, wo die Wahrheit sitzt. Und wo Lösungen entstehen.

Widerspruch aushalten zu können ist keine Konfusion, es ist Komplexität, die du dir erlaubst.

Ambiguitätskompetenz als Schlüssel zur Resilienz

Hier liegt die tiefste Verbindung zwischen beiden Themen: Resiliente Menschen sind nicht deshalb stabil, weil sie alle Antworten haben. Sie sind stabil, weil sie gelernt haben, auch ohne alle Antworten handlungsfähig zu bleiben.

Resilienz bedeutet: Ich brauche keine Gewissheit, um weiterzugehen. Ich kann im Nicht-Wissen stehen und trotzdem den nächsten Schritt machen.

Drei Verbindungen, die ich in meiner Coaching-Arbeit immer wieder erlebe:

1. Flexibilität statt Starrheit. Wer Ambiguität aushält, kann sich anpassen ohne sich zu verbiegen. Das ist der Kern von Resilienz.

2. Selbstregulation unter Druck. Widerspruch erzeugt innere Anspannung. Wer diese regulieren kann, bleibt klar, auch wenn das Umfeld unklar ist.

3. Vertrauen in sich selbst. Ambiguitätskompetenz wächst, wenn ich weiß: Auch wenn ich nicht alles verstehe, vertraue ich mir, dass ich damit umgehen kann.

Wer lernt, Widersprüche auszuhalten, trainiert gleichzeitig seine Resilienz. Nicht trotz der Spannung, sondern durch sie.

Resilienz ist nicht die Abwesenheit von Chaos. Sie ist die Fähigkeit, im Chaos ruhig zu bleiben.

Eine Übung, die du sofort anwenden kannst: die Und-Übung

Diese Übung ist einfach und überraschend wirkungsvoll. Ich nenne sie die Und-Übung.

Immer wenn du merkst, dass du in einem Entweder-Oder-Denken feststeckst, ersetze das aber durch ein „und".

Statt: Ich will das ändern, aber ich habe Angst.

Sag: Ich will das ändern, und ich habe Angst.

Das kleine Wort und erlaubt beiden Wahrheiten, gleichzeitig zu existieren. Es löst den inneren Konflikt nicht auf, aber es nimmt ihm die Kraft, dich zu lähmen. Es schafft Raum.

Probiere es heute aus in einem Gedanken, einem Gespräch, einer Entscheidung, bei der du merkst: Hier ist etwas, das sich widerspricht.

Und schau, was passiert.

Was bleibt

Zurück zu der Person in der Weiterbildung. Vertrauen ist die Grundlage guter Führung. Und zu viel Preisgeben kann Autorität schwächen. Beides stimmt. Je nach Kontext, je nach Mensch, je nach Moment.

Die Fähigkeit, das auszuhalten, ohne sofort auflösen zu müssen, ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Es ist ein Zeichen von Reife. Von Komplexitätsfähigkeit. Von innerer Stärke.

Was wäre, wenn beides stimmt?

Diese eine Frage kann mehr verändern als jede eindeutige Antwort.

Bereit, tiefer einzusteigen?

Ambiguitätskompetenz lässt sich trainieren. Im Einzelcoaching, im Resilienz Walk durch die Sächsische Schweiz oder im Resilienz Camp. Wir arbeiten genau an diesen Fähigkeiten.

Geschrieben von Anja Wolfram, Persönlichkeits- und Mental Health Coach in Pirna bei Dresden. Mehr über ihr Mental Coaching in Dresden.

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